Stell dir vor es ist Krieg und viele gehen hin

Sonntag, 10.08.2014

Herbst 1944 auf Saaremaa: Die Truppen der Sowjetunion überfallen die Insel Saaremaa, welche gerade unter der deutschen Besatzung steht. Ein blutige Schlacht mit vielen Toten.

 

Dieses Spektakel wurde im August 2014 noch einmal nachgestellt . Es fallen Schüsse       , Menschen schreien auf , ein Kriegsflugzeug fliegt über meinen Kopf, Sirenen geheule und noch mehr Schüsse . Die rote Flagge der Sowjetunion wird gezeigt, die Menschen neben mir fangen an zu klatschen und jubeln . Als die Truppe „weiterzieht“ kommen Krankenschwestern, die sich um die Verletzen kümmern.

 

Jaaa, auf dem friedliebenden Estland wurde noch einmal Krieg gespielt und das alles sehr realistisch (bis auf die Tatsache, dass die deutschen Soldaten russisch gesprochen haben). Ich stehe mitten in einer Menschenmenge. Dieses Spektakel hat viele Menschen angezogen. Was bewegt Menschen sich eine nachgestellte Kriegssituation anzuschauen? Und was bewegt Menschen in der heutigen Zeit Krieg zu spielen? Warum kommen Eltern mit Kleinkindern zu diesem Spektakel? Warum sehe ich unter den Soldaten auch Kindersoldaten? 2014 in Estland: Kinder tragen eine Schusswaffe und spielen Krieg. Ich verstehe es nicht. Mir ist es bewusst, dass diese Schlacht vor 70 Jahren stattgefunden hat und ich kannte deren Ausgang. Ist es für mich als Deutsche schwer mich jetzt mit dem 2. Weltkrieg auseinander zu setzten?

Die meisten „Schauspieler“ stammen aus russischen, lettischen, weißrussischen und ukrainischen Kriegsclubs, wie ich am Ende erfahre. Für sie war es alles nur eine Aufführung, auf die sich sehr gefreut haben. Viele von ihnen sind auch heute noch stolz darauf, wie die Sowjetunion Estland von der deutschen Besatzung befreit hat. Aber muss man dies nun vorspielen? Und muss man dorthin gehen und es sich anschauen?

 

Wie ihr merkt, stehe ich dieser Sache wirklich sehr kritisch gegenüber. Vielleicht fragt ihr euch, was mich überhaupt dorthin verschlagen hat… Ich war mit der Ferienlagergruppe dort. Eine Einheimische hatte unsren Fahrer und somit uns alle eingeladen sich ein „historisches Theaterstück“ anzuschauen. Ich wäre am liebsten nach den ersten Schüssen wieder gegangen.

 

Am Ende sind wir auch gegangen und zwar alle an den Strand zum Schwimmen. Doch da gab es für mich die nächste Überraschung:  Wir landeten neben dem deutschen Kriegslager. Es stehen einige alte Bundeswehrzelte, es gibt einen Appellplatz mit Lautsprechern und in der Mitte ist die Naziflagge gehisst. Auf dem Platz laufen Letten verkleidet als Nazisoldaten herum und machen Erinnerungsfotos. Ich verstehe es nicht. Wie kann Krieg für Menschen ein Spiel sein?